Beispiele Ihr Nutzen Das Angebot Kontakt Chicago 1945 Wellen des Waldes
Ein Fortsetzungsroman von Martin Gysel

Für mich ist der Krieg
nicht zuende

Chicago, 1945 — 1950

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Kapitel 1

Die Lizenz

Luf — Chicago, 1945
Luf. Chicago, 1945.

Ich sah seine Fresse im Morgenlicht strahlen. Ein Schuss mitten hinein erlöste mich vom Anblick.

Es ist früher Nachmittag. Ich sitze in "The Fox Hole". Dunkles Mahagoni mit Brandlöchern. Ich mag Theken. Frank Sinatra singt aus der Jukebox "One for My Baby". Ich habe keine. Bei dem was ich vorhabe kann ich keine Mitwisser brauchen.

Der Krieg ist vorbei. Doch für mich hat der Krieg nie etwas schreckliches gehabt. Es ist die Zivilisation die mich verwirrt. An der Front war alles klar. Hier meine Crew, dort der Feind. Töten ist normal und das einzige, was ich kann.

Ich höre die Stimme von Franco: Wie üblich? Ich nicke. Warum sprechen.

Franco war mit mir da draussen. Wir waren einmal einige Tage von unserer Einheit abgeschnitten. Fanden ein verlassenes Bauernhaus mit einer gefüllten Vorratskammer. Dass ich Giovanni ausgeknipst habe, erzählte ich nicht. Franco hat auch einen italienischen Vornamen. Und Blut ist immer noch dicker als Pulverdampf.

Luf an der Bar im The Fox Hole
The Fox Hole. Franco dreht sich eine Zigarette.

Mein Name ist Luf. Im Krieg nannten sie mich Angel. Todesengel. Weil ich noch nie ein Problem hatte jemanden zu töten. Niemand der überlebt hat, hatte ein Problem damit. Alle anderen, die an eine Moral glaubten, starben meistens schon in den ersten Stunden ihres ersten Einsatzes. Weil sie innerlich etwas überwinden mussten, bevor sie abdrücken konnten – zu langsam.

Ich machte nun doch den Mund auf. Gespräche schmieren die Kontakte. Und Franco hatte gute Kontakte zum Outfit. "Ich habe meine Lizenz als Privatdetektiv erhalten." Was ich nicht sagte - dank Chuck.

Chuck war First Lieutenant meiner Einheit. An einem regnerischen Nachmittag 1943 lagen er und ich in einer flachen Mulde. Das feindliche Feuer war so dicht, dass man den Himmel nicht mehr sah. Ich hatte mit dem Leben abgeschlossen und war auch ganz zufrieden damit. Chuck erlebte eine Art Zusammenbruch. Verlor die Nerven völlig und begann zu flennen wie ein Kind. Er bat mich, es niemandem zu erzählen. Das tat ich und er war mir etwas schuldig. Heute arbeitet Chuck im Department of Registration and Education, das Lizenzen für Privatdetektive vergibt. Manchmal trifft eine Kugel eben viel später ins Schwarze.

Meine Augen fokussieren Franco, der sich langsam eine Kippe dreht: "Wie siehts mit Aufträgen aus?" – Ich kippe mein Glas: "Könnte besser sein". Franco zündet sich endlich seine Zigarette an: "Gib mir deine Karte, vielleicht ergibt sich mal was." Ich lege meine Karte auf die Theke und verlasse die Bar.

Draussen. Noch immer ist mir die Ruhe unheimlich, kein Geschützfeuer, keine Granaten, keine Artillerie. Leute, die sich völlig unnatürlich ohne Deckung bewegen. Ich versuche mich dem anzupassen. Aber es ist mir nicht wohl dabei.

Lufs Plymouth unter einer Laterne
836 W. Sunnyside Ave. Der Plymouth fällt nicht auf.

Mein Plymouth steht gleich um die Ecke. Habe ihn mit meiner Abfindung als Gebrauchtwagen gekauft. Sein grösster Vorteil: Er fällt nicht auf.

Mein Quartier liegt an der 836 W. Sunnyside Ave, oberes Stockwerk. Das Büro befindet sich auf der anderen Strassenseite auf gleicher Höhe. War ein Glücksfall für mich. So habe ich mein Büro und meine Wohnung immer im Blickfeld – Feindkontakt.

In meinem Büro stehen ein Tisch, zwei Stühle, ein Aktenschrank und eine Stehlampe. Das Radio läuft. Ich lese die Mittagszeitung. Giovanni ist dem Radio wie auch der Chicago Tribune eine Randbemerkung wert. Vom Krieg habe ich einige Luger und Walther mitlaufen lassen. Eine davon habe ich für Giovanni eingesetzt und anschliessend entsorgt. Ich trage aus Prinzip Lederhandschuhe. Ich denke, ich bin auf der sicheren Seite. Aber das Outfit wird Giovanni vermissen.

Walther auf dem Bürotisch
831 W. Sunnyside Ave. Das Büro.

Das Detektivbüro ist meine Tarnung. Ich muss etwas wiederfinden. Aus dem Krieg habe ich eine Kiste mit Funkequipment nach Hause schaffen lassen. Nur dass kein einziges Funkgerät drin war, sondern Diamanten und Goldmünzen. Die habe ich im Fuchsbau eines deutschen Offiziers gefunden. Bevor er abgetreten ist, hat er ehrlos gewimmert – lächerlich. Die Kiste habe ich verpackt, armeegerecht beschriftet. Ich habe gesehen wie das Schiff abgelegt hat. Es ist auch im New Yorker Hafen angekommen. Aber scheinbar nur das Schiff.

Als mir Giovanni heute morgen über den Weg gelaufen ist, roch ich gleich Pulverdampf. Teurer Massanzug, Lederschuhe. Giovanni war damals am Abgangshafen Bremerhaven des Schiffes stationiert. Ich zählte eins zu eins zusammen und verrechnete mich trotzdem. Denn mit verzerrtem Gesicht erzählte er mir, dass er beim Outfit dick drin ist, dass die Kohle daher kommt. Natürlich musste er dann als Mitwisser für immer schweigen.

Heute Abend spielt Nat King Cole. Unter anderem "Straighten Up and Fly Right". Musste ihn auf der Bühne sehen. Ist im Chez Paree. Ein Katzensprung. Für mich eine Gelegenheit abzutasten, ob das Outfit schon Lunte gerochen hat.

Der Verkehr ist flüssig. Keine Verdunkelung – das ist unnatürlich. Alle meine Sinne stehen unter Alarm. Weiss nicht, ob sich das je legen wird.

Im Club setze ich mich an einen Tisch in der hinteren Reihe. Halbdunkel. Blick auf den Eingang und die Bar. Guzik – Buchhalter und Finanzchef des Chicago Outfit – sitzt an seinem Tisch. Beachtet mich nicht. Gut. Franco sitzt neben ihm und nickt knapp in meine Richtung. Verschiebt sich zu mir. Schiebt meine Karte rüber. Ein Name steht drauf und: „Morgen um 11:00 in deinem Büro".

Höre noch ein paar Takte Nat King Cole. Dann ist der Abend für mich gelaufen. Zuhause werfe ich die Karte auf den Tisch. Bis morgen.